Born in Austria in 1924, Rauch survived the horrors of WW II, and began painting seriously in Vienna in 1949. Strongly influenced by Viennese artists, Egon Schiele and Gustav Klimt, he held his first one-man show in 1952 in Vienna and became a member of the prestigious "Wiener Secession."

Rauch has since exhibited widely in Europe and on the American continent: Paris, London, Duesseldorf, Munich, New York, Toronto, Los Angeles, Puerto Vallarta and Mexico City among others.
His work may be found in museums as well as in may private and corporate collections.



  The Jew with the Iron Cross

The following excerpt is from an unpublished, copyrighted manuscript. The book details Georg Rauch's unusual and hair-raising struggles for survival on the Russian front and as a Russian prisoner of war during the last years of WW II. He was 14 Jew, by Hitler's calculations, since he had a Jewish grandmother. Nonetheless, he was drafted into the German army, and sent as "cannon fodder" to the Eastern Front. A secret notation on his ID papers listed instructions, unbeknownst to him, that he was never to receive a furlough. In spite of this and the terrors that were to come, his wit, special talents, strong constitution, and a generous dose of luck led to his eventual survival.



The Jew with the Iron Cross

A true story of paradox and survial

by Georg and Phyllis Rauch



Prolog

Wir erhoben unsere Hände steif zum Schwur und wiederholten die uns
vorgesprochenen Vereidiungsformel: ³ ... und ich gelobe, Führer, Volk und
Vaterland bis zum Tode zu verteidigen.²
Der Morgen des 26. Februar 1943 war bitter kalt. Vereinzelte
Eiskristalle segelten langsam aus den tiefhängenden Wolken. Es war zu kalt
zum Schneien.
Auf dem Exerzierplatz der Breitenseer Kaserne am westlichen Stadtrand
von Wien standen 600 Rekruten in Kolonnen: steif wie Holzpuppen,
Siefelabsätze aneinandergepreßt, linke Hand an der Hosennaht, Brust
heraus, Bauch hinein, und, wie es die Vorschrift verlangte, Kopf und Augen
bewegungslos geradeaus gerichtet. Wir waren in die antiquiert anmutende
Ausgeh- und Paradeuniform der deutschen Infanterie gekleidet - ein
übriggebliebenes Relikt aus der Hochblüte des preußischen Militärismus
und gut mit der Uniform eines Platzanweisers im Zirkus zu vergleichen.
Vom deutschen Soldate wurde erwartet, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl
und flink wie ein Windhund zu sein. Nach lediglich drei Wochen
militärischer Ausbildung glichen wir jedoch alle kaum diesem Idealbild.
Und ich mit einer Größe von einsvierundsiebzig, schwarzem, lockigem Haar,
das regellos in alle Richtungen wuchs, einem Körper, der keinerlei
athletische Merkmale aufwies. Der schwere, ungewohnte Stahlhelm drückte,
und ich hatte leichtes Kopfweh. Es war nicht einer der glücklicheren Tage
meines jungen Lebens. Vor uns, auf dem hartgefrorenen, von etwas
pulvrigem schneebedeckten Boden des Platzes, stand eine kleine Gruppe von
Offizieren. Oberstleutnand Krause, der Kommandant der
Infanterienachrichenabteilung 17, schwelgte gerade in seiner Rede: ³Es
ist un bleibt eine unveränderliche Tatsache, daß die deutschen Kräfte den
Weltkapitalismus und den Kommunismus von der Oberfläche der Erde fegen
werden. Ihr, die Zukunft des Tausendjährigen Reiches, habt die Pflicht und
Ehre, den Feind, wo immer er auftritt, erbarmungslos zu vernichten ... ²
Wir alle wußten, daß Stalingrad gefallen war, daß es an der russischen
Front nur mehr Rückzüge gab, daß Rommel aus Afrika zurückberufen woden war
und die Bomber der Alliierten bei hellichtem Tage Maßenangriffe auf
deutsche Städte flogen. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß auch nur ein
einziger, der - um einen preußischen Ausdruck zu benützen - ³noch alle
Tassen im Schrank hattte², an eine unerwartete Wendung des Krieges
glaubte, wonach ein deutscher Sieg möglich war. Auch nicht, falls doch
noch die so lange versprochene Wunderwaffe eingesetzt wurde. Die
alliierten Kräfte waren zu überlegen, die psychologische überlegenheit zu
groß. Der Krieg war für Deutschland verloren.

Oberstleutnant Krause weigerte sich sichtlich, diese Fakten anzürkennen
und beendete seine Vereidigungsansprache mit den Worten: ³ ... und Sie
werden es erleben, was es für ein Genuß ist, in der vordersten Linie dem
heranstürmenden Feind mit dem Spaten in der Hand den Schädel zu spalten.²
Die Militärkapelle spielte ³Deutschland, Deutschland über alles²,
während kleine Dunstwolken aus den Trompeten in den kalten Morgenhimmel
schwebten. Die Ehrenkompanie präsentierte die Gewehre, und wir sprachen
die letzten Worte der Vereidigungsformel nach: ³ ... Führer, Volk und
Vaterland bis zum Tode zu verteidigen.²
Ich beobachtete in diesem Moment aus den Augenwinkeln, wie zwei Soldaten
in den Reihen vor mir zwei Finger der linken Hand hinter dem Rücken
gekreuzt hielten - genau wie ich. Meine stille Hoffnung war, keiner der
hinter uns stehenden Unteroffiziere werde diesen uralten Kindertrick
bemerken, der, wenn es galt, einen geleisteten Eid ungültig machte. Wir
waren Schulknaben, die den Krieg noch als Bubenspiel betrachteten, ohne
den Ernst wirklich zu erkennen. Wir wußten nicht, daß man nach einigen
Wochen von uns verlangen werde, Männer zu sein und ohne Widerrede oder
Skrupel andere Männer zu töten.

Erster Teil


1. Kapitel

Ich polierte meine Stiefel und das Koppel auf Hochglanz und entfernte
mit Benzin einen Fettfleck auf meiner Uniformjacke. Ich war sehr nervös.
Die anderen in der Stube hatten keinerlei Ahnung, warum ich für das auf
dem Programm stehende ³Scharfschießen im Gelände² solchen Wert auf den
perfekten Zustand meiner Uniform legte.
Mit klopfendem Herzen verließ ich fünf Minuten vor neun die Baracke und
ging quer über den enormen Exerzierplatz zu einem der kleineren
Verwaltungsgebäude. Der Novembernebel hing tief in den blattlosen
Kastanienbäumen. Eine der Brünner Kirchenglocken begann etwas verfrüht die
Stunde zu schlagen.
Ich hatte mich zum Regimentsrapport gemeldet und war auf dem Weg zu
Oberstleutnant Poppinger, dem Kommandanten. Das Ritterkreuz mit Schwertern
und Diamanten um den fetten Hals, das brutale Gesicht mit einer von
erbeutetem französischem Cognac geröteten Erdbeernase geziert, war er
Kommandant des gesamten Nachschubs der zweihunderzweiundachtzigsten
Infanteriedivision, stationiert im tschechoslowakischen Brünn. Wenn man
bedenkt, was ich als Soldat untersten Ranges für ein Nichts im Getriebe
der deutschen Kriegsmaschinerie darstellte, war mein Verlangen, diesem
Offizier mit einem Anliegen gegenüberzutreten, mit einem Rendezvous mit
Gott zu vergleichen
Am 9. November 1943, genau neun Uhr früh, stand ich vor Poppingers
riesigem Schreibtisch. Hinter ihm an der Wand hing eines der
maßenfabrizierten goldgerahmten ölbilder von Adolf Hitler, dem Führer des
deutschen Volkes.
Meine Stiefelabsätze knallten zusammen, meine rechte Hand schnellte an
den Mützenrand, alle Muskeln meines Körpers angespannt und starr, brüllte
ich mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft, wie die Vorschrift es
verlangte: ³Funker Rauch meldet sich zum Rapport.²
³Rühren, was will er denn?² Poppinger saß in seinem Fauteuil hinter dem
Schreibtisch und schaute mich erwartungsvoll mit einer fast wohlwollenden
Miene an.
Ich brüllte ihm den Satz entgegen, den ich mir seit Wochen im Geist
zurechtgelegt hatte: ³Funker Rauch bittet melden zu dürfen, daß er kein
Offizier in der deutschen Wehrmacht werden kann.²
Mit einer erstaunten, fast idiotisch anmutenden Miene stotterte der
Oberstleutnant: ³Sind Sie verrückt? Habe ich Sie richig verstanden?²
³Jawohl, Herr Oberstleutnant!²
Poppinger, einen guten Kopf größer als ich, schnellte in die Höhe. Sein
Gesicht wurde rot. Er kam um den Schreibtisch herum, postierte sich direkt
mir gegenüber und schrie auf mich herunter:
³WIR entscheiden, wer Offizier in der detuschen Wehrmacht wird. Sollte
sich jemand, den wir dafür geeignet finden, weigern, seinem Volk zu
dienen, ist er ein Verräter.²
Er wandte sich zur Tür, wo ein Feldwebel stand, und sagte zu diesem, wie
um Unterstützung zu finden: ³Der Mann ist verrückt. Dem Vaterland seine
Fähigkeiten vorzünthalten ist Hochverrat.² Er schrie nicht mehr, er
kreischte. Um Herrschaft über sich zu gewinnen, trat er hinter seinen
Schreibtisch und trank einen Schluck Waßer. Dann setzte er sich und sagte
nach einer kurzen Pause sachlich:
³Ich bitte um eine Erklärung.²
Wieder ließ ich meine Absätze zusammenknallen, preßte die Hände an die
Hosennähte und brüllte: ³Ich fühle mich nicht fähig, Offizier in der
deutschen Wehrmacht zu werden, da ich jüdisches Blut habe.² Poppinger
sprang auf, sein Gesicht fast violett.
³Was hat er gesagt?²
³Ich habe eine jüdische Großmutter.²
³Wie sind Sie dann überhaupt hierher gekommen? Jüdische Großmutter! Sie
sind wohl ganz verrückt?²
Er winkte den Feldwebel zu sich, flüsterte einige Worte und sagte
ungefähr in meine Richtung: ³Wegtreten.²
Der Feldwebel führte mich in sein Büro, wo ich in ruhiger, sachlicher
Atmosphäre erklärte, daß ich bei meiner Einberufung alle Fakten meiner
jüdischen Vorfahren genau angegeben hatte, er könne sie sicherich in
meinem Karteiblatt finden. Dann war ich entlaßen un ging zu meiner
Baracke.
Als ich meine Stube betrat, war keiner der anderen da. Die Betten waren
alle perfekt gemacht, die graün Decken und die weißen Polster wie mit dem
Lineal ausgerichtet, die Leintücher über den frisch aufgeschüttelten
Strohsäcken straff gespannt. Es roch nach Lysol.
Ich hatte keine Vorstellung, was nun paßieren wurde, fühlte mich jedoch
sehr erleichtert. Oben in meinem Bett streckte ich mich lang aus und ließ
den Verlauf meiner bisherigen ³Karriere² als Soldat vor meinen Augen
vorüberziehen.
Vor neun Monaten, als ich den Einberufungsbefehl erhielt, hatte mich
tiefe Hoffnungslosigkeit befallen. Nachts wälzte ich mich schlaflos im
Bett und suchte nach einem Ausweg. Schon im Sommer vorher hatte ich mich
per Fahrrad kreuz und qür in den österreichischen Alpen umgesehen, um
einen Platz zu finden, an dem ich mich verstecken könnte. Ich fand ihn
nicht. Kein gut gebauter Achtzehnjähriger konnte sich in Zivilkleidung im
Zentrum eines von Hitler besetzten Europa verstecken, wenn alle Männer von
18 bis 60 in Uniform waren. Man hätte mich sehr schnell gefunden, den
Behörden übergeben und das Ende wäre gewesen, daß ich in einem
Minensuchkommando in die Luft geflogen wäre.
Am vorgeschriebenen Tag, an dem ich mich in der angegebenen Kaserne zum
Wehrdienst zu melden hatte, schrieb ich in das Formular: 4 Jahre
Staatsgewerbeschule für Maschinenbau, 6 Jahre Französisch (mit der vagen
Hoffnung, eher nach Frankreich zu den leichtlebigen Fraün als an die
rußische Front geschickt zu werden), perfekte Kenntnis der Morsezeichen,
jüdische Großmutter mütterlicherseits. Hobby: Radiobau.
Sichtlich als Ergebnis dieser Tatsachen stellte man mir frei, bei
welcher Waffengattung ich als Funker dienen wolle. Ich wählte die
Infanterie.
Familie und Freunde zögerten nicht mir zu erklären, was für ein Idiot
ich sei. Es wüßten doch alle, daß es bei den motorisierten Einheiten
weniger anstrengend sei. Nicht zu reden vom sauberen Leben und beßeren
essen bei Marine und Luftwaffe. Jemand erwähnte sogar die viel schickeren
Unifomen, die schönen schwarzen Barette der Panzermänner.
Alles das war mir selbst auch nicht unbekannt. Trotz den
übermenschlichen körperlichen Anforderunen bei der Infanterie, den
unvermeidlichen Läusen, trotz Hunger und Kälte folgte ich meinem Instinkt:
in einem totalen Krieg wollte ich nicht hilflos in einem eisernen Behälter
sitzen, sei es Tank, Flugzeug, Schiff oder Unterseeboot, bis das ganze in
die Luft flog. Die nackte Erde, auf der man gehen konnte, laufen, sich
verstecken, erschien mir sicherer. Wenn ich mich schnell genug eingraben
konnte, hatte ich noch eine Chance. Zumindest war es mir selbst überlaßen
meine Fähigkeiten einzusetzen, um vielleicht doch am Leben zu bleiben. Und
die Möglichkeit, im richtigen Moment auf die andere Seite
hinüberzuwechseln, war auch nicht auszuschliessen.
Die Kaserne am Stadtrand von Wien, wo ich meine Grundausbildung als
Infanteriefunker erhielt, war eine Ansammlung von häßlichen dreistöckigen
Gebäuden, die seit den Tagen der Monarchie keine frische Farbe mehr
gesehen hatten. In den ersten Wochen schwitzten wir während des Tages und
oft auch in den Nächten am Exerzierplatz oder im Gelände, um den
preußischen Drill über uns ergehen zu laßen. Es war die perfekte Methode
zur Erniedrigung jedes Einzelnen. Man machte uns zu willenlosen
Muskelpaketen, die wie Hampelmänner ohne eigene Meinung alle Befehle
blitzartig ausführten. Das Motto war: ³Das Denken überlaßen Sie den
Pferden. Die haben größere Köpfe.²
Später verlagerte sich das Training immer mehr auf die Spezialität
unserer Abteilung: Installation und Betrieb von Feldtelefonen und
Kurzwellenapparaten. Das war intereßant und fiel mir leicht, weil ich
vieles schon kannte. Weniger leicht fiel mir der Gehorsam und die
Strammheit eines disziplinierten deutschen Soldaten.
Als Nachkomme von ärzten, Architekten und Fabriksbesitzern wuchs ich mit
der Gewißheit auf, meine persönliche Meinung werde angehört und zumindest
wohlwollend erwogen. Befehle auszuführen, deren Inhalt ich als reine
Schikane oder ausgesprochen unsinnig empfand, fiel mir sehr schwer.
Bei drei verschiedenen Gelegenheiten wurde ich einige Tage in den Karzer
gesperrt: das erste Mal wegen ³NichtgRussens eines Offiziers², dann wegen
³unerlaubten Verlaßens der Kaserne²und schließlich als ich, statt mit den
anderen auf dem Kasernenhof zu exerzieren, wieder ins Bett schlafen ging.
Etwas ernster war der Vorfall bei einem der wöchentlichen Manöver im
Gelände.
An einem wunderschönen Maimorgen fuhren zwei Kompanien mit der
Straßenbahn zum Bisamerg, ein hübsches, von Weingärten, Wäldchen, Wiesen
und Obstbäumen bedecktes Berglein im Norden von Wien. Ausgerüstet mit
Gewehr, Spaten, einem Sandsack im Tornister und all dem anderen Zeug am
Koppel baumelnd, trieb man uns im Eilschritt, mit Gasmaske vorm Gesicht,
den Berg hinauf. Der Zweck des Manövers war, uns körperlich an den Rand
des Zusammenbrechens zu bringen. Mit Platzparonen bekämpften wir die
andere Kompanie, die den Berg von der anderen Seite hinaufgekeucht war.
Kaum oben, begann die rote Kompanie die blaü zu attackieren. Durch
wunderschöne Frühlingswiesen mit Blumen und Gras, das uns bis zur Hüfte
reichte, stürmten wir die Stellung des ³Feindes², wurden zurückgeworfen
und griffen wieder an. So ging das hin und her, andaürnd von den
Offizieren mit Befehlen bebrüllt: ³Auf, marsch, marsch, hinlegen! Auf,
marsch, marsch, robben! Angreifen! Hurraaa!², bis wir gegen Mittag, total
erschöpft, einige Minuten im Gras liegen und auf den nächsten Befehl
warten durften.
Alle zehn Meter lag einer von uns und suchte seine Lungen zuberuhigen,
während sich der Pulverdampf der Platzpatronen langsam verzog und der Duft
der Blumen unsere Nasen erreichte. Es roch nach frühlingsfeuchter Erde,
frischem Gras und dem Parfumpotpourri der Wiesenblumen.
Die Pause wurde immer länger, kein Befehl war zu hören. Ich beschloß, es
mir beqümer zu machen und schnallte einige der an mir hängenden Dinge ab.
Kochgeschirr, Gasmaskenbüchse und Brotbeutel lagen mit Gewehr und Spaten
neben mir. Ich öffnete Jacke und Hemd und ließ die Sonne meinen
verschwitzten Körper trocknen. Nahm dann ein paar Schlucke aus der
Feldflasche, kaute an einem Stück Brot, und während die Marienkäfer die
langen Gräser hinauf liefen und die Hummeln von einer Blüte zur anderen
flogen, schlief ich ein.
Ein stechender Schmerz in meinen Rippen und das laute Tak-tak-tak von
Maschinengewehren weckte mich.
³Mensch, was machen Sie denn hier?² schrie jemand über mir. ³Haben wohl
den Befehl zum Angiff nicht gehört? Brauchen wohl eine persönliche
Einladung, um Ihren faulen Arsch in die Höhe zu heben?²
Mit verschlafenen, unklar sehenden Augen konnte ich langsam einen
schwarzen Stiefel erkennen, der im Begriff war, mir einen zweiten Tritt zu
versetzen. Das ärgerliche Gesicht darüber gehörte einem der Offiziere.
Gebrüll und Geschieße der Attackierenden war schon weiter weg, und ich lag
mit offenem Hemd auf dem Rücken im Gras. Die Vorschriften hätten in einem
solchen Fall verlangt, daß ich sofort aufspringe, Hemd und Jacke zuknöpfe,
und, Mütze oder Helm ordnungsmäßig auf dem Kopf, stramm stehe und
salutierend mit lauter Stimme eine Erklärung abgebe.
Gegen alle Regeln, immer noch auf dem Rücken im Gras, knallte ich
liegend meine Hacken zusammen, schnellte meine Hand an die mützenlose
Stirn zum Salut und brüllte zum Oberstleutnant hinauf:
³Funker Rauch für Führer, Volk und Vaterland gefallen.²
Wo ein Krieg ist, gibt es auch Tote, dachte ich und analysierte das
Gesicht des Offiziers über mir mit Unbehagen. Ich sah mich bereits im
Gefängnis, in einer Strafkompanie Minen entschärfen, strafexerzieren bis
zum Umfallen oder zumindest bis zum Lebensende Kartoffel schälen.
Niemand kann sagen, was in diesen minutenlangen Sekunden durch den Kopf
des Oberstleutnants ging, bis ich endlich ein kaum wahrnehmbares Zucken
in seinem linken Mundwinkel wahrnahm und er mit einer gutgespielten,
ruhigen Stimme sagte:
³Wenn die Truppen in Kürze hier wieder vorbeikommen, werden Sie gütigst
wieder zum Leben erwachen und sich als vollwertiger Soldat Ihrer Kompanie
anschliessen.²
³Jawohl, Herr Oberstleutnant,² brüllte ich, immer noch im Gras
liegend. Einige Wochen danach, am Anfang des vierten
Ausbildungsmonats, kam der
Kommandant, Oberstleutnant Krause, unerwartet während des Frühappells auf
den Kasernenhof. Er wechselte einige Worte mit dem Leutnant, gab ihm ein
Papier und entfernte sich wieder. Wir standen noch stramm in der Kolonne,
als dieser sagte:
³Die im folgenden aufgerufenen Soldaten treten zwei Schritte vor. Funker
Sperling, Funker Magdeburger, Funker Zöllner, Funker Rauch ... ²
Ich trat vor wie befohlen und spekulierte, welche Vorschriften ich
wieder übertreten hatte. Als die Liste der Aufgerufenen immer länger
wurde, begann ich mich zu beruhigen, da nicht so viele etwas Strafbares
begangen haben konnten.
³Die Aufgerufenen gehen sofort auf ihre Stuben, packen ihre Sachen und
melden sich unverzüglich auf Stube 28. Sie sind ab sofort einem
Nachrichtenlehrgang zugeteilt. Wegtreten.²
Das bedeutete etliche weitere Monate im Hinterland, also Ausbildung,
weit weg vom schießen und die vage Möglichkeit, daß, bis ich zum Einsatz
kam, der Krieg vorüber war. Außerdem blieb ich dabei in Wien und konnte
täglich zu Hause anrufen oder sogar meine Eltern besuchen.
Offizier zu werden war hingegen etwas anderes. Das war mit Verantwortung
verbunden, mit Entscheidungen.
Bei der Nachrichtentruppe mit Radiosendern und Telefonen
herumzumanipulieren schien für mich nicht so direkt mit Befehlen zum
Angriff, mit Sieg und Niederlage zu tun zu haben. Nicht so als Offizier.
Man würde von mir verlangen, mein Hirn dazu zu benutzen, Schlachten zu
gewinnen. Den Krieg zu gewinnen. Es war widersinnig und unlogisch, daß
ich, in Hitlers Rechnungsart ein Vierteljude und Bürger mit beschränkten
Rechten, diese zweifelhalfte Ehre haben sollte.
Während der Zug mich meiner neün Bestimmung näherbrachte, dämmerte mir,
daß auch ein Nachrichtenoffizier zur Weiterführung dieses Krieges beitrug.
Ich fühlte mich miserabel.
Seit frühester Kindheit an die unerschütterliche Autorität von Eltern,
Lehrern und jeder Art Voresetzten gewöhnt, kam mir jetzt der ungewohnte
Gedanke, zu protestieren. Immer bestimmter wurde mein Entschluß, nicht
Offizier zu werden.
In Brünn vergingen die ersten Wochen mit Training der schwersten
körperlichen Art. Ich begann zürst mich dumm zu stellen. Ich führte
Befehle falsch aus. Strafübungen waren die Folge. Dann simulierte ich
Krankheit und Schwäche. Man glaubte mir nicht. Nach insgesamt drei Monaten
blieb keine andere Möglichkeit, als meine gute, schon verstorbene
Großmutter
einzusetzen. Ich ging zu Poppinger.
Die Konseqünzen meines ³Regimentrapports² kamen schnell und waren
entscheidend. Am folgenden Tag war ich vom Dienst im Offizierslehrgang
entlaßen und zum Frontdienst als Infanteriefunker abkommandiert.
Am 11. November 1943 kam meine Mutter in das mittelalterliche Städtchen
von Krumau, wo man mich feldmäßig ausgerüstet hatte. Sie kam, um sich von
mir zu verabschieden. Seit Tagen fiel ein kalter, leichter Regen, die
Wolken sanken bis zu den Giebeln der alten Häuser herab. In beßeren Zeiten
und zu einer warmen Jahreszeit war das Städtchen mit seiner Stadtmaür,
seinen Giebelhäusern und Kirchen eine Attraktion gewesen, ein guter Ort
für einen Sonntagsausflug. Im vierten Jahr eines erbarmungslosen Krieges,
an einem kaltfeuchten, lichtlosen Morgen, war Krumau nur eine Kuliße
hinter dem Frachtenbahnhof und genau der richtige melancholische Rahmen
für die vielleicht letzten Worte, die eine Mutter und ihr Sohn je noch zu
einander sagen würden.
Beatrix Rauch war in jedem Sinne des Wortes eine starke Frau. Mittelgroß
und schlank, war sie durch harte Arbei drahtig und voller Kraft. Ihr
Gesicht war infolge einer Gehirnhautentzündung in ihrer Jugend etwas
unsymmetrisch, einige Muskelpartien waren gelähmt. Dennoch strahlten Augen
und Gesicht ihre natürliche Herzenswärme und eine sensible Intelligenz
aus. Sie roch meist nach Lavendel wegen der kleinen, umhäkelten Büschel
dieser Blumen, die sie stets in ihrem Fach zwischen der Wäsche hatte.
Meine Mutter kam 1889 in Wien zur Welt und lebte ihre ersten 25 Jahre
als Aristokratin mit all den damit verbundenen Privilegien und
Annehmlichkeiten, deren sich diese Klaße zu dieser Zeit erfreute. Ihre
Persönlichkeit, wie ich sie kannte, formte sich in den nachfolgenden
Jahrzehnten durch dramatische Ereigniße:
den Ersten Weltkrieg, in welchem sie als freiwillige Rot-Kreuz-Schwester
mit Blut und Tod der Soldaten bekannt wurde; durch den anschliessenden
Zerfall der Monarchie und die Inflation, wodurch sie Wohlstand und Titel
verlor;
in den zwanziger und dreißiger Jahen war sie Mutter mit zwei kleinen
Kindern, verbrachte ihre meiste Zeit damit, alte Kleider zusammenzuflicken
und meinem Vater in seinen vielen Versuchen zu helfen, genug Geld zu
verdienen, damit wir nicht hungerten.
Die Jahre der Depreßion wurden von der ³Hitlerzeit² abgelöst. Mit der
Besetzung österreichs durch die Deutschen kam mehr Leiden für die, die das
neü Regime ablehnten. Schließlich war die Linie ihrer Mutter jüdisch. Es
muß für sie äußerst schwierig gewesen sein, in einer Atmosphäre von
Unfreiheit, Lügen und Bespitzelung, zwei Kindern die delikaten Werte von
Humanität und Kultur zu vermitteln.
Während dieser Jahre gab es wenig Unterhaltung. Es gab keine Reisen ins
Ausland, kein Fahrzeug, um in die umliegenden Wälder zu fahren, nur die
Straßenbahn bis zum Stadtrand. Bei solchen Ausflügen in den Wienerwald
bestand der Proviant aus Tee in einer Thermosflasche und Schmalzbroten. In
der Natur, in den vielen frei zugänglichen Museen und in unserer eigenen
Wohnung lehrte sie uns unermüdlich, was es heißt, ein Mensch zu sein.
Als ich 15 war, gingen wir eines Tages durch die Stadt. Ein Jahr vorher
waren die Deutschen unter dem Jubel vieler österreicher einmarschiert und
bald danach sah man da und dort große Spruchbänder, die oben qür über der
Straße ausgespannt waren. ³Ein Volk, ein Reich, ein Führer² war einer der
Sprüche. An diesem speziellen Tag blieb sie plötzlich stehen und deutete
auf eines der Spruchbänder, das wie immer von einer Straßenseite zur
anderen reichte. ³Macht kommt von Recht² stand darauf.
³Versteht du, was das bedeutet?² fragte sie mich.
³Macht kommt vor Recht², las ich laut und antwortete mit einem
schuldigen Gefühl: ³Nein.²
Mit einem Unterton von Haß under ärger sagte sie:
³Das heißt, daß der, der die Macht hat, auch im Recht ist. Kein
zivilisierter Mensch kann sich mit dieser Philosophie einverstanden
erklären.² Damals hatte ich nur eine ungefähre Ahnung, was sie damit sagen
wollte. Ich verstand nur, daß es für sie sehr wichtig war.
In den folgenden Jahren machte sie uns und allen, die sie als ³sicher²
bezeichnete, sehr klar, wie total sie Hitler und alles, was er
repräsentierte, ablehnte.
An diesem letzten Morgen, vier Jahre später, vor dem Bahnhof von Krumau,
gingen wir eine halbe Stunde am Bahnsteig auf und ab. Keiner der Hunderte
Soldaten, in den Viehwaggons auf Stroh sitzend und auf die Abfahrt
wartend, wußte, wohin wir gebracht werden und ob wir jemals wiederkehren
würden. Wir wußten, daß die Außichten dafür sehr gering waren. Man
brauchte dazu nur nachzuzählen, wieviele der Verwandten, Freunde und
Kollegen in den vergangenen Jahren nicht mehr zurückgekommen waren.
Zwei Dinge, die sie mir damals sagte, blieben besonders in meinem
Gedächtnis. Das erste war leicht zu verstehen. Sie sagte: ³Bitte erinnere
dich in Zukunft, wo immer du auch sein magst, daß ich, falls du nicht
wiederkommst, nicht in Traür zugrunde gehen werde. Ich werde mein Leben
weiterleben, was mit dir auch geschehen ist.² Im ersten Moment schien dies
an sonderbarer Satz zu sein. Eigenartig und kalt. Doch später fühlte ich
eine Erleichterung. Eine Last schien von meinen Schultern genommen: das
Gefühl einer Verpflichtung, den Krieg um meiner Mutter willen überleben zu
müssen. Sie hatte bewußt die Nabelschnur entgültig durchgeschnitten.
Die zweite Bemerkung begann ich erst viel später zu verstehen. Sie
sagte, als der Zug schon anzufahren begann und ich mich hinunterbeugte, um
ihr einen letzten Kuß zu geben:
³Denk daran: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.²
Der Zug fuhr nun immer schneller. Ich hielt meinen Kopf aus der
Schiebetür hinaus und sah ihre dünne, blaße Figur in dem abgetragenen
Wintermantel neben dem Gleis stehen, den rechten Arm bewegungslos in die
Höhe haltend. Endlich verschwand sie im kalten Morgennebel. Ich wußte, daß
sie bereits in dem für sie so typischen schnellen Schritt zum Ortsplatz
unterwegs war, um den nächsten Bus nach Wien zu erreichen. Schließlich
mußte sie sich um die auf unserem Dachboden versteckten Juden kümmern. Das
Leben mußte weitergehen.






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TheLos Dos B and B Page

Preparations are in progress for celebrating Rauch's 80th birthday in 2004 with exhibits in Mexico and his native Austria.
Watch this site for news of the artist's upcoming year long traveling exhibit; a showing of three Austrian artists resident in Mexico.

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